In media vita
Wir sind daran gewöhnt, das Leben als Bewegung von Punkt A nach Punkt B zu betrachten. Als etwas Lineares, Steuerbares, Optimierbares. Aber was, wenn wir uns fast nie am Anfang oder am Ende befinden?
Was, wenn Mensch und Gesellschaft innerhalb von Prozessen des Zerfalls und der Wiederherstellung existieren, statt jenseits davon? Was verbindet Physiologie, Psyche, soziale Krisen und existenzielle Irrwege? Und lässt sich dort von Wachstum sprechen, wo an der Oberfläche Zerstörung sichtbar ist? Dabei hilft ein binärer Blick auf die Welt, Gegensätze auszuhalten.
Phagozytose in der Gesellschaft 🔴
Nach einer Wiedergabe von Denis Semenikhins Worten ließ sich die Vorbereitung sowjetischer Olympiasportler als „Methode der teilweisen Zerstörung“ beschreiben.
Die Athleten waren spitze 🔝
Katabolismus als notwendige Bedingung des Stoffwechsels. Ohne Zerfall keine Erneuerung, ohne Belastung keine Anpassung.
Es stellt sich die Frage: Gibt es etwas Ähnliches innerhalb von Gesellschaft und Staat, wenn wir sie als einen zusammenhängenden Organismus betrachten?
Natürlich.
Phagozytose auf den Straßen der Städte – genau jetzt 🔴. Soziale Immunität: grob, schmerzhaft, unvollkommen, aber wirksam.
„Der Sheriff, der sich mit dem Finger an die Schläfe tippte,
stellte Patrouillen auf, doch das Unvorstellbare ist im Inneren.“ 🎵— Oxxxymiron, HPL
Das ist nichts für jene „Patienten“, die einfach nur Stress beseitigen und ein ruhiges, gleichmäßiges Leben führen wollen (I. Yalom, „Und Nietzsche weinte“).
Es geht nicht um individuellen Komfort. Es geht um den kollektiven Schatten.
Um teilweise Selbstzerstörung als Bedingung weiteren Wachstums – ganz wie im Training: Zerstörung → Wiederherstellung → Superkompensation 💪🔝
Die entscheidende Frage liegt nicht in der Zerstörung selbst, sondern darin, ob ihr Wiederherstellung folgt.
In media vita
In media vita – mitten im Leben.
„Von Punkt A nach Punkt B zog ein bleicher Jüngling mit brennendem Blick.
Unterwegs wurde er etwas fülliger, vertrank seine Rüstung und heiratete eine Wäscherin.“ 🎶— Oxxxymiron, Неваляшка
So ist hier jeder Zweite …
Menschliches, allzu Menschliches: ein Fest während der Pest und Liebe während der Cholera.
Das Leben hält wegen einer Krise nicht an – es fließt durch sie hindurch.
Wie immer mit dem Kopf durch die Wand, nur jetzt ohne die Unzertrennlichen und ohne die engsten Vertrauten …
Schnee in glitzernden Flocken verbirgt die schmutzige Newa,
Und Menschen – Eichhörnchen in Rädern,
Auf der Flucht vor der Freiheit, eilen zu ihrer „geliebten Brücke“.Und hier – als würde ein Traum sich in der Wirklichkeit offenbaren,
Und am Ufer wird ein Sinn sichtbar.
Statt eines Fazits
Zerstörung ist nicht an sich böse. Sie wird dort zum Bösen, wo keine Wiederherstellung folgt. Weder der Mensch noch die Gesellschaft leben „außerhalb der Krise“. Fast immer befinden wir uns in ihr – in media vita.
Die Frage ist nicht, wie sich Zerfall vermeiden lässt, sondern ob danach Wiederherstellung eintritt und ob ein Sinn entsteht, für den es sich lohnt, weiterzugehen.
Fragen zum Artikel
01Kann Zerstörung in einer persönlichen oder gesellschaftlichen Krise Wachstum ermöglichen?
Ja, wenn der Zerfall Teil des Zyklus aus Zerstörung, Wiederherstellung und Superkompensation ist. Ohne Wiederherstellung wird Zerstörung zum Bösen; für die weitere Bewegung brauchen Mensch und Gesellschaft zudem Sinn.
02Warum lässt sich das Leben nicht auf einen Weg von Punkt A nach Punkt B reduzieren?
Menschen und Gesellschaften leben fast immer in unabgeschlossenen Prozessen: Eine Krise setzt das Leben nicht aus, sondern wird zum Medium, durch das es weitergeht.
