In media vita

05. Februar 2021

In media vita: eine Betrachtung darüber, wie Menschen und Gesellschaften nicht vor oder nach einer Krise leben, sondern in ihr. 🌓 Zerfall, Wiederherstellung, soziale Immunität und der kollektive Schatten werden zur verborgenen Mechanik des Wachstums. Wo liegt die Grenze, nach der Zerstörung nicht mehr ins Leben zurückführt – und was trägt den Sinn der Bewegung? ❓

Kategorie
🌓 Dunkle und helle Seite der Persönlichkeit
Selfie von Anton Kolhonen in Winterkleidung an einem verschneiten Ufer

Selfie von Anton Kolhonen an einem winterlichen Ufer.

In media vita

Wir sind daran gewöhnt, das Leben als Bewegung von Punkt A nach Punkt B zu betrachten. Als etwas Lineares, Steuerbares, Optimierbares. Aber was, wenn wir uns fast nie am Anfang oder am Ende befinden?

Was, wenn Mensch und Gesellschaft innerhalb von Prozessen des Zerfalls und der Wiederherstellung existieren, statt jenseits davon? Was verbindet Physiologie, Psyche, soziale Krisen und existenzielle Irrwege? Und lässt sich dort von Wachstum sprechen, wo an der Oberfläche Zerstörung sichtbar ist? Dabei hilft ein binärer Blick auf die Welt, Gegensätze auszuhalten.


Phagozytose in der Gesellschaft 🔴

Nach einer Wiedergabe von Denis Semenikhins Worten ließ sich die Vorbereitung sowjetischer Olympiasportler als „Methode der teilweisen Zerstörung“ beschreiben.

Die Athleten waren spitze 🔝

Katabolismus als notwendige Bedingung des Stoffwechsels. Ohne Zerfall keine Erneuerung, ohne Belastung keine Anpassung.

Es stellt sich die Frage: Gibt es etwas Ähnliches innerhalb von Gesellschaft und Staat, wenn wir sie als einen zusammenhängenden Organismus betrachten?

Natürlich.

Phagozytose auf den Straßen der Städte – genau jetzt 🔴. Soziale Immunität: grob, schmerzhaft, unvollkommen, aber wirksam.

„Der Sheriff, der sich mit dem Finger an die Schläfe tippte,
stellte Patrouillen auf, doch das Unvorstellbare ist im Inneren.“ 🎵

— Oxxxymiron, HPL

Das ist nichts für jene „Patienten“, die einfach nur Stress beseitigen und ein ruhiges, gleichmäßiges Leben führen wollen (I. Yalom, „Und Nietzsche weinte“).

Es geht nicht um individuellen Komfort. Es geht um den kollektiven Schatten.

Um teilweise Selbstzerstörung als Bedingung weiteren Wachstums – ganz wie im Training: Zerstörung → Wiederherstellung → Superkompensation 💪🔝

Die entscheidende Frage liegt nicht in der Zerstörung selbst, sondern darin, ob ihr Wiederherstellung folgt.


In media vita

In media vitamitten im Leben.

„Von Punkt A nach Punkt B zog ein bleicher Jüngling mit brennendem Blick.
Unterwegs wurde er etwas fülliger, vertrank seine Rüstung und heiratete eine Wäscherin.“ 🎶

— Oxxxymiron, Неваляшка

So ist hier jeder Zweite …

Menschliches, allzu Menschliches: ein Fest während der Pest und Liebe während der Cholera.

Das Leben hält wegen einer Krise nicht an – es fließt durch sie hindurch.

Wie immer mit dem Kopf durch die Wand, nur jetzt ohne die Unzertrennlichen und ohne die engsten Vertrauten …

Schnee in glitzernden Flocken verbirgt die schmutzige Newa,
Und Menschen – Eichhörnchen in Rädern,
Auf der Flucht vor der Freiheit, eilen zu ihrer „geliebten Brücke“.

Und hier – als würde ein Traum sich in der Wirklichkeit offenbaren,
Und am Ufer wird ein Sinn sichtbar.

— Anton Kolhonen

Statt eines Fazits

Zerstörung ist nicht an sich böse. Sie wird dort zum Bösen, wo keine Wiederherstellung folgt. Weder der Mensch noch die Gesellschaft leben „außerhalb der Krise“. Fast immer befinden wir uns in ihrin media vita.

Die Frage ist nicht, wie sich Zerfall vermeiden lässt, sondern ob danach Wiederherstellung eintritt und ob ein Sinn entsteht, für den es sich lohnt, weiterzugehen.

FAQ

Fragen zum Artikel

01Kann Zerstörung in einer persönlichen oder gesellschaftlichen Krise Wachstum ermöglichen?

Ja, wenn der Zerfall Teil des Zyklus aus Zerstörung, Wiederherstellung und Superkompensation ist. Ohne Wiederherstellung wird Zerstörung zum Bösen; für die weitere Bewegung brauchen Mensch und Gesellschaft zudem Sinn.

02Warum lässt sich das Leben nicht auf einen Weg von Punkt A nach Punkt B reduzieren?

Menschen und Gesellschaften leben fast immer in unabgeschlossenen Prozessen: Eine Krise setzt das Leben nicht aus, sondern wird zum Medium, durch das es weitergeht.

Beitrag teilen

XTelegram
Mit einem Klick teilen