Über Psychotherapie, Wissenschaft und Leben
„Wer die menschliche Psyche erkennen will, erfährt durch experimentelle Psychologie fast nichts über sie. Er sollte die exakten Wissenschaften verlassen, den Gelehrtenmantel ablegen, sich vom Studium verabschieden und mit menschlichem Herzen durch die Welt ziehen: durch die Schrecken von Gefängnissen, Irrenhäusern und Kliniken, düstere Vorstadtkneipen, Bordelle und Spielhäuser, elegante Salons, Börsen, sozialistische Kundgebungen, Kirchen, Erweckungsversammlungen und ekstatische Sekten; durch Liebe und Hass und jede Form der Leidenschaft im eigenen Körper. Dort erntet er reichere Erkenntnis als aus einem fußdicken Lehrbuch und lernt, Kranke mit echtem Verständnis der menschlichen Seele zu behandeln.“ (C. G. Jung) [2] 📚
Doch Lebenserkenntnis allein genügt nicht: Theorie und Bildung sind ebenso wichtig
„Im Kampf um den gewaltigen gesellschaftlichen Auftrag der Psychologie treten heute außer- und pseudowissenschaftliche Erkenntnisformen auf – Populär- und Parapsychologie –, die die Marke der psychologischen Wissenschaft umfassend und unrechtmäßig zur Vermarktung ihrer Produkte nutzen“ (I. A. Mironenko, S. 137) 📚. Lebenserfahrung allein reicht also nicht; Bildung und ein sicherer Umgang mit Begriffen sind ebenfalls nötig.
Wegen ihres Gegenstands muss Psychologie den Menschen nicht nur im Labor, sondern im wirklichen Leben erkennen. Dafür muss sie alle Winkel eines „unruhigen Gotham“ aufsuchen: Sexarbeiterin und Heiligen verstehen, ein Gespräch beginnen und in die Welten von Geschäftsleuten und Wohnungslosen eintreten. In diesem weiten Feld geben Wissenschaft und Bildung Orientierung und ein Wertesystem; wissenschaftliches Wissen zeigt die Grenzen angemessener Erkenntnis. In der Zuspitzung des Autors besteht der Unterschied zu jemandem ohne Hochschulbildung darin, dass dieser alles ausprobiert. Wissenschaftlich geschulte Menschen haben ihren „Gott“: den Logos. James Hollis erinnert an Dostojewskis Warnung aus dem 19. Jahrhundert, ohne Gott sei alles möglich.
Auf Kleinanzeigenportalen ist das leicht zu sehen: Dort versprechen Menschen, alles zu behandeln – wirklich alles; Zuhörer für eine Stunde, Anführer für einen Augenblick. An der psychologischen Fakultät brennt zu ihrem Andenken eine Geburtstagstorte. 😄
Doch Stalin sagte einmal: „Wer kritisiert, soll einen Vorschlag machen.“ Also mein Vorschlag:
Professionalität in der Therapie erschöpft sich nicht in Theorie und Wissenschaft. Sie muss Praxis, die Erkenntnis des Anderen, einschließen. Boris Ananjew betonte außerdem, dass den Menschen als Subjekt nicht nur Eigenschaften, sondern auch Wissen, Können und technische Arbeitsmittel kennzeichnen (I. A. Mironenko, S. 76). Ein Therapeut ist zuerst Mensch; sein wichtigstes „Instrument“ ist seine Persönlichkeit. Sie bildet sich im Fragen. Hier einige dieser Fragen:
Frag dich: „Wie hast du bisher gelebt?
Was für ein Held warst du, welche Orte bewohntest du?
Wohin neigte sich die Waage von Gut und Böse?
Was hast du auf der Erde getan? Warst du Wanderer und Krieger?
Oder war dein kümmerlicher Körper gar nichts wert?“ [3]
„Rus, wohin jagst du; wer ist schuld und was ist zu tun? 🇷🇺
Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich ein Recht? 🌓
Woraus sind unsere Jungen gemacht? ⚡
Warum rauschen in Russland die Birken? 🌳
Warum aßen die Insulaner Kapitän Cook? 👹
Verkaufen Sie einen slawischen Schrank? 🔦
Wer sind wir und woher kommen wir? 🎎
Wer braucht ein Stück Julihimmel? 🌦
Warum können Menschen nicht fliegen? 🦅
Wahrheit oder Pflicht? 🎭
Wo sind deine siebzehn Jahre? 🎷
Wohin geht die Kindheit? 👫
Gibt es Leben auf dem Mars? 🌐
Was sollen wir in Griechenland tun? 🌅
Was bringt mir der kommende Tag? 📅
Was kostet deine Freiheit? 🔕
Wo beginnt die Heimat? 🎖
Geld oder Leben? 💰
Was kostet Opium für das Volk? 💉
Ist jemand am Leben? 🙏
Halt, wer da? 😑
Worin liegt die Kraft, Bruder? 😎
Was kostet dein Outfit? 🤠
Wie viel verdienst du? 🤑
Wie viele Zentimeter? 🤥
Was? Wo? Wann? 📺
Wer wird Millionär? 🎬
Wo ist diese Straße, wo ist dieses Haus? 🏦
Wo sind die besten Partys? 🎢
Wer möchte Nachschlag? 🍳
Wie viel Gramm darf es sein? 💊
Wohin schaut die Polizei? 👮♂
Who let the dogs out? 🐕
Wen liebst du mehr – Vater oder Mutter? ✉
What is love? ❤
Wohin führen Träume? 💫
Was bedeutet dir mein Name? 👥
Wer, wenn nicht wir? 🔱
Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss, oder?“ 🔫 [4]
Vor allem aber: Wozu brauchen wir Psychologie? ❓
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Quellen
- I. A. Mironenko, Das biosoziale Problem und die Entstehung einer globalen Psychologie. Moskau: Institut für Psychologie der Russischen Akademie der Wissenschaften, 2019, 406 S.
- James Hollis, Leben zwischen den Welten: Wie wir Kraft in uns finden, wenn alles zerfällt. LitRes, 2022.
- Grot, „Der Anfang des Lichts“.
- Oxxxymiron, „Wer tötete Mark?“
Ausführlicher wird das Thema im YouTube-Interview „Über Psychotherapie, Wissenschaft und Leben“ behandelt.
Fragen zum Artikel
01Warum braucht Psychotherapie zugleich Lebenserfahrung und wissenschaftliche Ausbildung?
Lebenserfahrung erschließt die Vielfalt der Psyche außerhalb des Labors; Wissenschaft liefert Begriffe, Orientierung und Wissen um die Grenzen verlässlicher Erkenntnis. Professionalität verbindet beide Seiten.
02Wie stützt wissenschaftliche Ausbildung professionelle Grenzen?
Sie schafft einen Bezugsrahmen, unterscheidet begründete Methoden vom Versprechen, „alles zu heilen“, und macht die Grenzen eigener Kompetenz und Erkenntnis sichtbar.
03Was nennt der Autor das wichtigste Instrument des Therapeuten?
Die persönlichen Eigenschaften des Therapeuten. Wissen, Können und Arbeitsmittel sind nötig; schwierige Fragen an das eigene Leben bestimmen jedoch, wie dieses Wissen eingesetzt wird.
04Welche zentrale Frage lässt der Text offen?
Nach einer langen Folge kultureller und persönlicher Fragen kehrt der Autor zu „Wozu brauchen wir Psychologie?“ zurück. Das verlinkte Videointerview setzt das Gespräch fort.
